Laura Scheerer
Hochschule Luzern

Max von Moos-Förderpreis 2015

Die Max von Moos-Stiftung hat in diesem Jahr zum sechsten Mal den Förderpreis im Betrag von CHF 5000 an eine Master-Studienabgängerin oder einen Studienabgänger in Fine Arts der Hochschule Luzern, Design & Kunst, mit dem Schwerpunkt Kunst im öffentlichen Raum vergeben.

Die Jurierung fand am 16. Juni in Lachen und Pfäffikon im Kanton Schwyz statt. Diese zwei Pole gehören zu einer boomenden Region am oberen Zürichsee. Dort haben die Studierenden an verschiedenen Orten ihre Abschlussarbeiten vorgestellt. Die Jury bestand aus den Stiftungsratsmitgliedern Gabriela Christen, Christoph Lichtin sowie dem Präsidenten Stefan G. Schulz.

Die diesjährigen Orte sind als Wohngemeinden sehr beliebt und in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Dass solche Entwicklungen nicht ohne Konflikte und Widersprüche ablaufen, liegt auf der Hand und macht die Region gerade auch mit Blick von aussen interessant. So bilden die vielfältigen und kontrastreichen Spuren, die der über Jahrzehnte anhaltende Wachstumsboom in der Landschaft, in den Ortsbildern und in den kulturellen und sozialen Strukturen hinterlässt, denn auch Ausgangspunkt für künstlerische Interventionen und Stellungnahmen.

Laura Scheerer »Raumprogramm – Churerstrasse 77 – Briefkastenfirma«
Auszug aus der Laudatio von Stefan G. Schulz

Die diesjährige Preisträgerin der Max von Moos-Stiftung hat für ihr Projekt ein Gebäude an der Churerstrasse 77 in Pfäffikon in den Fokus genommen. Pfäffikon ist seit einigen Jahren in der Stadtentwicklung stark durch die Steuerpolitik bestimmt. Zusammen mit der hervorragenden Lage am Zürichsee und der Nähe zum Finanzzentrum Zürich hat sich eine Bautätigkeit entwickelt, die nicht nur teuren Wohnraum entstehen liess, sondern auch hunderte von Briefkastenfirmen angezogen hat.

Bild ScheererDas Baugespann das bei einem geplanten Projekt ausgesteckt werden muss, gehört zum Ortsbild Pfäffikons. Laura Scheerer hat dieses für ihre Abschlussarbeit gewählt und es als Zeichen zur Deutung ihrer Motive eingesetzt, welche sie zum Ausdruck bringen will.

Im erwähnten Gebäude an der Churerstrasse 77 waren vor einem Jahr rund 50 Firmen domiziliert. Aufgrund höherer Steuern sind es aktuell noch zehn. Ausgangspunkt von Laura Scheerer war nun die Frage, was wäre, wenn die Briefkastenfirmen tatsächlich vor Ort existieren würden. Wieviel Raum würden die Firmen tatsächlich benötigen?

Hierfür hat sie die für diese zehn Firmen in Pfäffikon verzeichnete Mitarbeiterzahl ermittelt und aufgrund von Angaben des SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) die vorgegebene Arbeitsfläche berechnet. Dies sind rund 12 Quadratmeter pro Person. Für die zehn Firmen ergibt sich so ein Gebäude, das mit drei Geschossen à 650 Quadratmeter rund das dreifache Volumen hätte.

Für dieses Volumen hat Laura Scheerer ein Baugespann aufstellen lassen, um das Gebäude sichtbar zu machen. Nun kam jedoch die Grundfläche auf die Grundstücke der Nachbarn zu liegen und die Stangen stehen auch tatsächlich in den Gärten der Nachbarn der Churerstrasse 77. Nachbarn notabene, denen bisher nicht auffiel, dass im Gebäude nebenan so viele Firmen angesiedelt sind, da sie ja kaum Mitarbeiter sehen. In der Nähe des Baugespanns hat Laura Scheerer für die zehn Firmen je einen Briefkasten aufgestellt und sie mit dem Firmennamen beschriftet: Innovativ Capital AG, 4f Capital AG etc.

Das Baugespann ist eine Ankündigung, ein Signal, ein Zeichen, dass hier etwas geplant ist. Tatsächlich hat dieses Baugespann in Pfäffikon bereits eine Diskussion und Fragen bei der Gemeinde ausgelöst. Damit hat die Künstlerin einen Diskurs in Gang gesetzt, den die Bevölkerung direkt betrifft. Diesen Diskurs hat sie mit künstlerischen Mitteln bewirkt: sie hat eine Übersetzung gewählt, eine Veränderung des Volumens, eigentlich ein klassisches Mittel bei dreidimensionalen Verfahren. Das kleine Gebäude an der Churerstrasse 77 ist tatsächlich nur das kleine Modell eines grösseren, imaginären Gebäudes, das eigentlich dastehen sollte. Das Baugespann meint einen tatsächlichen Sachverhalt, während dem das vor Ort gebaute Gebäude eine Fiktion darstellt. Diese Umkehrung der Realität mit dem Einsatz eines einfachen Baugespanns ist verblüffend, schlüssig und als Kunst im öffentlichen Raum schlicht genial.

Der Stiftungsrat der Max von Moos-Stiftung gratuliert Laura Scheerer und freut sich, ihr für ihren Beitrag den diesjährigen Max von Moos-Preis mit der entsprechenden Urkunde übergeben zu dürfen.

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